Texte

In meiner Berufslaufbahn habe ich unzählige Reportagen und Artikel verfasst. Als Beispiel meiner Arbeit finden sie nachstehend einen Artikel zur Präsidentschaftswahl 2004 in den USA.

 
“Wir brauchen ein anderes Amerika”

Demokraten suchen bei den Vorwahlen ihren Gegenkandidaten zu George W. Bush / John Kerry liegt auch in Virginia vorn / Bush reagiert

Von Frank Schwarz

Richmond (Virginia) – Die Stimmung im großen Saal der George Mason Universität von Fairfax im Bundesstaat Virginia, etwa 150 Kilometer von der Hauptstadt Richmond entfernt, ist ausgelassen. Die Demokraten feiern einen erneuten Sieg des Vietnamveteranen John F. Kerry. “Bush raus aus dem Weißen Haus”, rufen viele der Demokraten und schwenken verschiedene Schilder mit den Namen der Kandidaten. In den zurückliegenden Wochen tobte der Wahlkampf zwischen neun Kandidaten der Demokratischen Partei, wobei derzeit alles für einen Durchmarsch von Kerry spricht. In den Bundesstaaten Tennessee und Virginia siegte John F. Kerry erneut deutlich vor seinen Mitbewerbern und peilt somit immer klarer den Einzug ins Weiße Haus an. „Noch einmal laut und deutlich. Die Amerikaner stimmen für den Wechsel in Ost, West, Nord und heute im Süden“, so Kerry. Mit dem Ergebnis von Virginia und Tennessee stößt Kerry in den Süden des Landes vor und zeigt damit deutlich, dass nur er gegen Bush eine Chance hat. „Ein Plan für eine unabhängige Energiewirtschaft wird fünfhunderttausend neue Arbeitsplätze schaffen, damit Amerikas Söhne und Töchter nie wieder um das Öl aus dem mittleren Osten kämpfen müssen.“ Die gut zweitausend zum Teil fanatisch jubelnden Zuhörer in der Mason-Universität von Fairfax werden nur gelegentlich durch Buh-Rufer unterbrochen, die ein „Bush“ hinterher brüllen und von Kerry ignoriert werden. „Während Georg W. Bush vielleicht glaubt, der Job des Präsidenten sei es, die Aktienkurse hoch zu treiben, glauben wir, der Job des Präsidenten ist es, Amerika wieder Arbeit zu geben.“

“Ich finde, dass alles was George Bush getan hat seit er Präsident wurde, schief ging. Er hat dem Land nur Ärger gebracht. Ich stimme seiner Irak-Politik nicht zu, ich wollte den Krieg nicht und ich finde die Gesundheitsgesetze erfüllen ihren Zweck nicht. Sein Bildungsprogramm verdient den Namen nicht, weil es nicht funktioniert. Er muss sein Amt wieder verlieren, das ist die Hauptsache”, erklärt Patrice McKenney, die als freiwillige Helferin im Wahlkampfteam von Howard Dean mitarbeitet und schließt ihr Statement mit der Feststellung: “Bush hat das Land in eine völlig falsche Richtung gebracht. Wir brauchen ein anderes Amerika.”

Don Byer, Schatzmeister der Kampagne von Howard Dean: “Die Demokraten in Washington hatten vor Bush solche Angst, dass sie für seine Steuerkürzungen, seine Umweltgesetze und seine Kriegspläne stimmten. Howard Dean war derjenige, der genug Mut hatte aufzustehen und zu sagen, dass wir George W. Bush attackieren müssen, um unser Land zurückzugewinnen. Leider haben nun die anderen Kandidaten diese Botschaft kopiert. Ob Howard Dean gewinnt oder nicht, er hat den Demokraten wieder ihren Sinn und ihre Seele gegeben.” 250 000 Spenden habe es gegeben, das seien mehr als alle anderen Kampagnen zusammen. 25 000 freiwillige Helfer unterstützen Dean in Virginia, 600 000 sind es in den gesamten USA. In 90 000 Telefonanrufen seien viele Wähler mobilisiert worden“, erzählt Byer. Dennoch werden Dean kaum noch Chancen auf einen Sieg bei den Vorwahlen der Demokraten gegeben. Hinzu kommt, dass das Verhältnis zwischen Dean und Kerry als schlecht und sehr distanziert beschrieben wird. “Die Chemie stimmt zwischen den beiden gar nicht”, sagt Patrice McKenney dazu. Am Montagabend erklärte Dean, dass er im Falle einer Niederlage in Wisconsin aus dem Rennen aussteigen würde.

Die letzten Umfragen vor der Entscheidung in Virginia haben sich in der Sicht auf die Präsidentschaftswahlen fast ausschließlich mit John Kerry beschäftigt. So werden dem einstigen Leutnant der US-Army hohe Sympathiewerte im Vergleich zu Bush attestiert. 56 Prozent der Amerikaner meinen, dass sich Kerry besser in den Alltagsproblemen auskenne. Bush kommt dabei auf 33 Prozent. Der amtierende Präsident hingegen gilt als starker Führer, meint über die Hälfte der Amerikaner, während dies Kerry nur 39 Prozent zutrauen.

Im Wahlkampfbüro von Wesley Clark herrscht eine stille, beinahe trübsinnige Atmosphäre. Niemand will sich von den Telefonen abwenden, als ob die entscheidenden Stimmen Stunden vor der Entscheidung geholt werden müssten. Clark kam in den letzten Umfragen vor der Abstimmung in Virginia lediglich auf vier bis sieben Prozent.

Kathryn Lister ist aus der Wahlkampfzentrale in Washington gekommen und leitet den Wahlkampf auch in Virginia. Das Hauptquartier von John F. Kerry ist in einem einstigen Geschäft in einem Einkaufscenter eingerichtet worden, strategisch günstig gewählt neben dem Eingang zum Supermarkt. “Kerry führte die Opposition gegen Präsident Bush schon in den vergangenen vier Jahren an. Kerry hat die Erfahrung, den Mut und die Kraft, das Land in eine positive Richtung zu führen. Er ist am besten qualifiziert, um George Bush zu schlagen”, erklärt Lister. Die derzeitigen Umfragen zeigen, das John Kerry in einem direkten Vergleich gegen Bush gewinnen würde. Das gelte für die anderen Kandidaten nicht. Ich würde es nicht Druck nennen, aber wir bemühen uns sehr um jede einzelne Stimme. Wenn es Druck gibt, wirkt er positiv”, meint Kathryn Lister.

Im Bundesstaat Virginia leben 7,4 Millionen Menschen. Anders als in Deutschland konnten nur jene ihre Stimme für die Vorwahlen der Demokraten abgeben, die sich 29 Tage zuvor als “Voter” registrieren ließen. In den 2292 Wahllokalen wurden erstmals elektronische Geräte für die Abstimmung eingesetzt. Nach den Erfahrungen im Präsidentschaftswahlkampf vor dreieinhalb Jahren, als in Florida hunderte Lochkarten wegen technischer Mängel nicht gezählt werden konnten, misst man der modernen Stimmenauswertung künftig mehr Bedeutung bei. “Wir haben zwar noch die alten, mechanischen Abstimmungsgeräte im Einsatz, aber durch die neue Technik sind kaum noch Fehler möglich”, erklärt Barbara Cockrell aus dem Organisationsteam für die Durchführung der Wahlen in Virginia. Auch wenn eine Partei, wie in diesem Fall die Demokraten, eine Wahl durchführen, zahlt in den USA der Staat für die Durchführung und sichert durch zwei Millionen Dollar neben der Bezahlung durch Mitarbeiter der Verwaltungen auch die Besetzung der Wahllokale.

Bisher schien Amtsinhaber George W. Bush fest im Sattel zu sitzen. Nachdem die Demokraten allerdings mehr und mehr Wähler für ihre sogenannten Primarys, wie die Vorwahlen hier genannt werden, mobilisieren, hat sich der Chef im Weißen Haus erstmals direkt zu den Vorwürfen im Wahlkampf zu Wort gemeldet. “Ich habe über zwei Millionen Jobs besorgt und die Steuern werden weiter sinken”, sagt er auf einer Veranstaltung am Sonntagabend. Die Wahlkampfberater des amtierenden Präsidenten werfen dem derzeit wahrscheinlichsten Herausforderer John Kerry indes vor, er habe seine Aufgabe in der Nationalgarde nach seinem Vietnameinsatz nicht korrekt erfüllt.

Elisabeth Smith arbeitet für eine gemeinnützige Gesellschaft, die sich landesweit um ältere Leute kümmert. Für die Frau aus Kalifornien, die nur wenige Tage in Washington bleiben will, ist der ganze Wahlkampf um die Präsidentschaft ein Schauspiel. „Die machen uns doch alle etwas vor. Am Ende ist es fast egal, wer gewinnt“, sagt Smith. Allerdings sei ihr dennoch lieber, wenn George Bush weiter im Amt bliebe. „In harten Zeiten, noch dazu, wo wir diesen Krieg führen, soll ein starker Führer diesen Job machen und nun auch behalten“, meint Smith.

In der Kirche der Methodisten im Zentrum von Washington sitzen vor allem Schwarze. Als Pastor William Slade immer wieder predigt „Ich bin, was ich bin“, und dabei immer wieder die Kanzel verlässt, um direkt auf die Mitglieder seiner Gemeinde zuzugehen. Hier interessieren die Vorwahlen der Demokraten nur wenige. „Die Leute sind mit sich selbst beschäftigt und wie sie ihre Probleme in den Griff bekommen. „Ich hoffe, dass es John Kerry schafft, denn gerade für die sozial Schwachen ist der Alltag immer schwerer geworden“, sagt der Pastor in der Kirche der Methodisten. „Der Krieg werfe seine Schatten bis ins Gotteshaus“, meint der Geistliche. Obwohl Bush verkündet habe, der Krieg im Irak sei aus, warte man immer noch auf die Rückkehr eines Gemeindemitgliedes. „Wir hoffen jeden Tag darauf, dass er wieder da ist und so lange ist der Krieg für die Leute hier nicht beendet“, erklärt Pastor Slade.

Dem jungen, dynamischen Kandidat, Senator John Edwards werden kaum Siegchancen als Präsidentschaftskandidat der Demokraten eingeräumt, aber im Fall eines Wahlsieges von Kerry gilt Senator Edwards in den Medien der USA als sicherer Mann für den Job als Vizepräsident. “Wählen sie ihren Kandidaten der Demokraten, der George Bush aus dem Weißen Haus holt”, rief Edwards auf einer Wahlkampfveranstaltung am Montagabend in der Universität George Mason in Fairfax zu. Dort hatte der Senator aus Virginia selbst studiert.

Bush kann zwar in Ruhe den Ausgang der Kandidatenkür bei den Demokraten abwarten, aber einen Nachteil würde er in der heißen Wahlkampfphase um das höchste Amt erleben, meinen die Wahlkampfstrategen der Gegenpartei. “Wir haben unsere Wähler bereits im Vorwahlkampf auf das heiße Finale eingestellt, das müssen die Republikaner noch machen und brauchen mehr Zeit”, schätzt Kathryn Lister ein. Diese werden die Republikaner im Falle des Gegenkandidaten Kerry sicher weiter gut nutzen, um belastendes Material über den Mann aus Boston zu finden.

Für die ausländischen Beobachter geraten die Wahlkampfveranstaltungen in den zurückliegenden Tagen mehr zur Show, als zu tiefer gehenden Informationsveranstaltungen. “Ich finde es interessant und spannend, so etwas aus der Nähe mitzuerleben. So bekommt man einen ganz anderen Blick für die alltägliche Demokratie in den USA”, sagt Rosemarie Krieglsteiner. Sie ist Leiterin der Mittelschule in der Nähe von Mockrehna im Landkreis Torgau/Oschatz in Sachsen und eine von mehreren Lehrerinnen, die mit der Deutsch-Nordamerikanischen Gesellschaft zu den Primarys gereist ist.

Bei aller Euphorie, die in den Wahlkampfbüros und bei den Auftritten der Kandidaten zu spüren ist, bleiben die Vorwahlen in der großen Öffentlichkeit der Amerikaner eher unbedeutend. Bei den letzten Primarys der Demokraten 1988 hatten lediglich 17 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Bei der Präsidentschaftswahl zwischen Al Gore und George W. Bush waren es immerhin 36 Prozent. Am Wahltag dürften zumindest der Medienpräsenz nach die meisten Amerikaner eher ein ganz anderes Ereignis verfolgt haben. Schauspieler John Travolta wurde 50.